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Vernetzungstreffen in Hünfeld: „Ein Rückblick nach vorne – zehn Jahre Beratungsnetzwerk Hessen“


18.09.2017

Das Beratungsnetzwerk Hessen hat runden „Geburtstag“: Seit 2007 ist es in Hessen aktiv im Einsatz gegen Rechtsextremismus und für die Stärkung der Demokratie! Grund genug, dass die Netzwerkmitglieder ihr zweitägige Vernetzungstreffen am vergangenen Donnerstag und Freitag (14./15. September 2017) in Hünfeld auch zu einem kleinen Rückblick auf die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre und die künftigen Herausforderungen des Netzwerks nutzten.

Der Leiter des Demokratiezentrums Dr. Reiner Becker bei seinem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Beratungsnetzwerks Hessen auf dem Vernetzungstreffen in Hünfeld. Alle Fotos: Stephan Born
Der Leiter des Demokratiezentrums Dr. Reiner Becker bei seinem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Beratungsnetzwerks Hessen auf dem Vernetzungstreffen in Hünfeld. Alle Fotos: Stephan Born

Wissenschaftliche Analysen mit ernstem Zukunftsblick, Erfahrungsaustausch und ein bunter Abend, der Geselligkeit und Gemeinschaft förderte und an dem mancher zur Freude aller ungeahnte musikalische oder dichterische Talente offenbarte, stellten eine gelungene Mischung des „Jubiläums“-Treffens in der passenden kontemplativen Atmosphäre des Bonifatiusklosters in Hünfeld dar (alle Fotos: Stephan Born).

Nüchtern stellte man fest, dass die Arbeit des Netzwerks in Zeiten zunehmender rechtspopulistischer Tendenzen trotz aller Anstrengungen nicht weniger oder gar überflüssig geworden sei. In seinem „Jubiläums“-Vortrag mit dem programmatischen Titel „As slow as possible. Ein Rückblick nach vorne – zehn Jahre Beratungsnetzwerk Hessen“ ließ Dr. Reiner Becker, Leiter des Demokratiezentrums Hessen, dazu die Statistik sprechen: 658 Beratungsfälle und (seitdem die Prävention als neues Aufgabenfeld 2015 hinzukam) 178 Präventionsmaßnahmen hat das Beratungsnetzwerk seit der Gründung 2007 bislang bearbeitet und angeboten (allein im Rekordjahr 2016 waren es 138 Beratungsfälle und 70 Präventionsangebote)!

Die enormen Veränderungen und Beschleunigungen der Arbeit und Aufgaben des Beratungsnetzwerks machen auch die Budget- und Mitglieder-Zahlen deutlich, die Becker zitierte: Der Etat des Netzwerks stieg von einst 150.000 auf heute rund 2,5 Millionen Euro. Heute gibt es hessenweit elf Träger, die für die Arbeit des Netzwerks vor Ort zuständig sind, und im Netzwerk sind mittlerweile ca. drei Dutzend staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen, Organisationen und Vereine zusammengeschlossen, die als „Expertenpool“ fungieren. Daneben arbeiten in Hessen aktuell 29 „Partnerschaften für Demokratie“ auf kommunaler Ebene.

Doch in Zeiten der „gesellschaftspolitischen Ereignisschwemme“ mit offenem Ausgang gebe es keinen Anlass für einen Rückblick mit Schulterklopfen. Es sei vielmehr Zeit für eine Entschleunigung, wie er sie im Vortragstitel in Anlehnung an ein Musikprojekt von John Cage anklingen ließ. Dessen Komposition wird seit dem Jahr 2001 in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt in dauerhaften Einzelklängen als langsamstes und längstandauerndes Musikstück der Welt mit einer Gesamtlänge von 639 Jahren aufgeführt und will durch die vom Komponisten vorgegebene Spieltempovorschrift „As slow as possible“ zum Innehalten anhalten und einen wohltuenden wie notwendigen Beitrag zur Zeitentschleunigung leisten.
„Wir müssen den Blick schärfen für das, was ansteht“, so Becker weiter. Angesichts einer zu konstatierenden „Angstgesellschaft“ in Deutschland und des wachsenden Populismus stelle sich ernsthaft die Frage, ob wir vor einer „Zeitenwende“ stehen.
Beckers geistreicher Analysevortrag mit vielen historischen Bezügen belegte, wie wichtig die „Arbeit für Demokratie“ ist. Diese dürfe „nicht von Koalitionsfarben abhängig“ sein, sondern müsse eine stetige Struktur erhalten, um langfristig erfolgreich arbeiten zu können.

In einem Grußwort lobte am zweiten Tag der Leiter der Referatsgruppe Demokratie und Vielfalt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Thomas Heppener, ausdrücklich die Arbeit des Beratungsnetzwerks in Hessen. Es sei gelungen, sehr unterschiedliche Akteure zusammenzubringen und partizipativ zu arbeiten. Heppner (Foto rechts) unterstrich das gemeinsame Ziel einer nachhaltigen Demokratieförderung – egal unter welcher neuen Bundesregierung.

Anschließend hielt der Historiker und freie Publizist Volker Weiß einen erkenntnisreichen Vortrag mit dem Titel „Die autoritäre Rechte“, basierend auf seinem neuen Buch „Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“. Darin bietet Weiß (Foto links) eine historisch fundierte Zeitanalyse zu den gegenwärtigen rechtspopulistischen Phänomenen Pegida, AfD & Co, beschreibt das vielfältige Spektrum der neuen rechten Bewegungen und untersucht die Herkunft und Vernetzung ihrer Kader.
Sein Buch sei „eine Archäologie der Neuen Rechten“, wie er sagte. Die Neue Rechte sei eigentlich eine „sehr alte Rechte“. In seiner Kombination aus Buch-Lesung und freiem Vortrag stellte Weiß zahlreiche historischer Bezüge her und warnte vor einer aktuellen Gefährdung unserer Demokratie von rechts. Damals wie heute seien die Hauptbegriffe „Volk“, „Kultur“ und „Raum“ die erkennbar prägenden Säulen des rechtsintellektuellen Denkens und Wirkens.

xxInsgesamt nahmen an beiden Tagen des Vernetzungstreffens in Hünfeld ca. 80 Personen teil. Neben der Würdigung des kleinen Jubiläums „10 Jahre Beratungsnetzwerk Hessen“ und dem Vortrag von Volker Weiß standen ein freier Austausch in Kleingruppen zu verschiedenen Themen unter dem Motto „Was uns bewegt“ sowie auch wieder das gegenseitige Kennenlernen und die Weiterentwicklung der Netzwerkarbeit im Mittelpunkt.
Alle Fotos: Stephan Born