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Wie eine kleine Gemeinde im Vogelsbergkreis seinen Ruf gegen Rechte verteidigt


27.04.2018

Einst als "Nazi-Dorf" verschrien, wandelte sich die kleine 3.200-Seelen-Gemeinde Kirtorf im Vogelsbergkreis zu einem Vorzeigeort im Kampf gegen Rechtsextremismus. Dafür gesorgt hat vor allem eine engagierte Bürgerinitiative.

Erfoglreiche Arbeit des „Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus“ in Kirtorf
Erfoglreiche Arbeit des „Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus“ in Kirtorf

Das „Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus“ in Kirtorf gründet sich 2004. Besorgte Bürgerinnen und Bürgerinnen taten sich damals zusammen, nachdem sich Rechtsextreme über längere Zeit im Ort breitgemacht hatten. Bis Sommer 2004 gab es im Ort viele Jahre regelmäßig rechte Konzerte, organisiert von der sogenannten „Kameradschaft Berserker Kirtorf", die Räumlichkeiten (u. a. ein schalldicht ausgebauter Schweinestall) und Freiflächen für Konzertveranstaltungen für überregionale Veranstaltungen der rechten Szene zur Verfügung stellte.

Politik und Ordnungskräfte fanden lange Zeit keinen Weg, diesem Treiben ein Ende zu bereiten.

In einem Beitrag des TV-Magazins „Kontraste“ wurde dann die „Kameradschaft Berserker Kirtorf" als fremdenfeindliche, rechtsextreme Gruppierung entlarvt. Ein Reporter hatte sich mit versteckter Kamera in den „Schweinestall“ einschmuggeln können und dort Aufnahmen von ca. 250 anwesenden Rechten bei einem Konzert gefilmt. Es wurden Texte wie „Synagogen sollen brennen, Untermenschen um ihr Leben rennen", „Das Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik" oder „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib" gesungen.
Schließlich verhängte die zuständige Behörde ein Nutzungsverbot für diese Räumlichkeiten.

Neben der Aufdeckung durch den TV-Journalisten durch seine heimlichen Filmaufnahmen war die Gründung des „Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus Kirtorf“ im Jahr 2004 entscheidend für den Gegenwind gegen rechte Umgtriebe in Kirtorf.. Nach langen Jahren des Zuschauens und der Ohnmacht kamen Bürger und Politiker zusammen, sagten gemeinsam „Nein!" und zeigten Zivilcourage.

In der Anfangszeit gab es zunächst Aktionen wie Unterschriftensammlungen, Erstellung und Verteilung eines Aufklebers „Buntes Kirtorf", Aufstellen von Schildern am Ortseingang, eine Informationsveranstaltung in der Stadthalle, Besuche von Gerichtsverhandlungen im Zusammenhang mit dem Rechtsextremismus in Kirtorf etc. Einige Vereine des Ortes fügten in ihren Satzungen einen Passus zur Abgrenzung gegenüber Rechtsextremismus an, um „Flagge“ zu zeigen.

Das Aktionsbündnis will durch Aktionen vor allem Jugendliche im unmittelbaren Kontakt für Demokratie, gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sensibel machen und die Anziehungskraft der Rechtsextremisten weiter eindämmen, damit in Kirtorf Nazis keine Chance mehr haben. Schon 2004 hatten in diesem Sinne auch der Bürgermeister, der Magistrat und die Stadtverordneten mit einer Resolution gegen Rechtsextremismus eindeutig Position bezogen. Vereine und Gewerbetreibende der Stadt schlossen sich der Resolution an und hängten diese öffentlich aus.

Mittlerweile erfährt das Bündnis eine breite Unterstützung im Ort und darüber hinaus. Das Aktionsbündnis arbeitet mit der Jugendförderung des Vogelsbergkreises „Vielfalt tut gut", dem Netzwerk gegen Rechtsextremismus, mit der evangelischen Jugendarbeit, der Polizei und dem Ausstiegs-Programm des Landes Hessen „IKARus" zusammen.
Das Bündnis trägt Früchte. 2007 wurde die Kirtorfer Initiative sogar Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2007".

Heute existiert das Aktionsbündnis nach wie vor. Und das ist wichtig, was auch ein aktuelles Interview mit Mitgliedern des Bündnisses in der „Alsfelder Allgemeinen“ zeigt. Denn die rechten Akteure sind keineswegs verschwunden, sondern eher in Deckung gegangen.
„Gerade in unserer heutigen Zeit, in der eine Partei mit einem rassistischen Programm Erfolg hat, meinen manche, sie können nun wieder mehr an die Öffentlichkeit gehen, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Es gibt einzelne, die weiter rechte Propaganda betreiben.“, so ein Mitglied des Bündnisses gegenüber der Zeitung. Aber der Kreis derer, die Gesicht zeigen, sei größer geworden, sagen die Bündnismitglieder abschließend ermutigend.

Quellen:
https://www.alsfelder-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,421077
http://www.buendnis-toleranz.de/aktiv/aktiv-wettbewerb/162543/aktionsbuendnis-gegen-rechtsextremismus-kirtorf

https://www.stadt-kirtorf.de/leben-in-kirtorf/aktionsb%C3%BCndnis/