Beratungsnetzwerk Hessen stellt Jahresbericht 2025 vor

Wie zeigen sich Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit in Hessen?

25.9.2026

Butzbach/Marburg. Das Beratungsnetzwerk Hessen hat am Freitag seinen Jahresbericht 2025 vorgestellt. Die geförderten Beratungsstellen und -teams verzeichneten 302 neue Beratungsfälle. Zusätzlich wurden 62 Beratungen aus dem Jahr 2024 fortgesetzt. Hinzu kamen 187 Bildungs- und Präventionsveranstaltungen. Trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem Rekordjahr 2024 bleibt die Nachfrage damit auf hohem Niveau. Ein Schwerpunkt des Berichts liegt auf Schulen: Dort werden gesellschaftliche Konflikte früh sichtbar, zugleich sind Schulen zentrale Orte für Schutz, Prävention und demokratische Bildung.

Besonders häufig bezogen sich Beratungen auf allgemeinbildende Schulen mit 60 Fällen, gefolgt vom sozialen Nahraum mit 57 Fällen. 24 Beratungen betrafen kommunale Politik oder Verwaltung, 23 soziale Einrichtungen. Bei den Phänomenbereichen lagen Rechtsextremismus mit 142 und Rassismus mit 138 Nennungen an der Spitze; Mehrfachnennungen waren möglich. Rechtspopulismus wurde 43-mal als Bezug genannt. Bei den konkreten Anlässen standen Gewalt und Bedrohung mit 108 Nennungen im Vordergrund.

Die 187 Bildungs- und Präventionsveranstaltungen lagen unter dem Vorjahreswert von 215, blieben aber der zweithöchste Wert seit 2015. Lehrer*innen waren mit 38 Veranstaltungen die größte einzelne Zielgruppe. 119 Angebote waren Workshops, Schulungen oder Fortbildungen; die Zahl der Vorträge stieg von 42 auf 49. Besonders gefragt blieben Veranstaltungen zu Rechtsextremismus, rechten Codes und Lebenswelten sowie zu Handlungsstrategien gegen Rechtsextremismus.

Im Jahr 2024 hatte das Netzwerk mit 332 neuen Beratungsfällen den höchsten Wert seit seiner Gründung erreicht. 2025 sank die Zahl der neu begonnenen Prozesse auf 302. Der Rückgang bedeutet jedoch keine entsprechende Entlastung. Viele Beratungen aus dem Vorjahr liefen weiter, zugleich dauern komplexe Fälle häufig länger und binden die Teams bei gleichbleibenden Ressourcen intensiver. Die Statistik zählt einen Fall nur in dem Jahr, in dem die Beratung begonnen hat. Mehrjährige Begleitungen erscheinen deshalb in den Folgejahren nicht erneut als neuer Fall.

Schulen als Lernort und Spiegel gesellschaftlicher Konflikte

Der schulische Kontext zieht sich durch Beratung, Prävention und Distanzierungsarbeit. 60 der neuen Beratungsfälle bezogen sich auf allgemeinbildende Schulen, weitere acht auf Berufsschulen. Bei den Bildungs- und Präventionsangeboten entfielen 41 Veranstaltungen auf allgemeinbildende Schulen und zwölf auf Berufsschulen. Häufig suchen Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulsozialarbeit und Eltern Unterstützung, wenn sie rechtsextreme Symbole, rassistische oder antisemitische Äußerungen, problematische Klassenchats, Mobbing oder Bedrohungen einordnen und angemessen bearbeiten wollen.

Nach Angaben des Hessischen Kultusministeriums wurden 2025 insgesamt 159 rechtsextreme Vorfälle an hessischen Schulen gemeldet. In 92 Fällen wurde Strafanzeige erstattet. Seit Ende 2023 gelten strengere Meldepflichten, sodass die Entwicklung auch eine systematischere Erfassung widerspiegelt. Die hohe Zahl zeigt dennoch, dass menschenfeindliche Einstellungen und rechtsextreme Handlungen im Schulalltag präsent sind.

„Schulen sind keine Inseln. Was sich in unserer Gesellschaft verschiebt, macht nicht am Schultor halt“, sagt Dr. Reiner Becker, Leiter des Demokratiezentrums Hessen. „Dass Schulen genauer hinsehen und Unterstützung suchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von demokratischer Wachsamkeit.“

Aus Sicht des Beratungsnetzwerks brauchen Schulen verlässliche Ansprechpersonen, eine schnelle fachliche Einordnung im Krisenfall und langfristig angelegte Präventionsangebote. Neben schulrechtlichen und gegebenenfalls strafrechtlichen Schritten sind pädagogische Maßnahmen entscheidend: der Schutz Betroffener, Gespräche mit Schülerinnen, Schülern und Eltern, Fortbildungen für Kollegien sowie ein klarer und im Schulalltag sichtbarer demokratischer Rahmen.

Jüngere Jugendliche und anspruchsvollere Distanzierungsarbeit

Die Pädagogische Fachstelle Rechtsextremismus Rote Linie begleitete 2025 61 neue Fälle in der Distanzierungs- und Umfeldberatung und führte 67 Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen durch. Besonders die Anfragen aus Schulen und Jugendgerichtshilfen nahmen zu. Immer häufiger wenden sich Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe wegen Jugendlichen unter 15 Jahren an die Fachstelle. Gleichzeitig werden die Fallverläufe anspruchsvoller und reichen von gefestigten rechtsextremen Einstellungen und Bedrohungen bis zu schweren Gewalttaten.

Soziale Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Rechtsextremistische Akteure sprechen Kinder und Jugendliche gezielt an, verbreiten ideologische Inhalte und fördern digitale wie lokale Gruppenbildungen. Für die Beratung wird das Zeitfenster kleiner, in dem junge Menschen erreicht werden können, bevor sich Einstellungen verfestigen oder weitere Straftaten folgen. Der Bericht unterstreicht deshalb den Bedarf an frühen Zugängen, enger Zusammenarbeit mit dem Umfeld und ausreichenden Beratungskapazitäten.

Auch die spezialisierten Angebote melden eine hohe Belastung. Die Opferberatungsstelle response begleitete 2025 insgesamt 165 Beratungsfälle, darunter 109 neu aufgenommene und 56 fortgesetzte Prozesse. Mehr als ein Drittel der neuen Beratungen betraf schwere Gewalttaten wie Körperverletzungen. OFEK Hessen bearbeitete 133 Fälle nach antisemitischen Vorfällen; diese Zahl wird separat ausgewiesen und ist in den 302 neuen Fällen der Netzwerkstatistik nicht enthalten. RIAS Hessen (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen) berichtet zugleich von einer anhaltend hohen Belastung und einer stärkeren Entgrenzung antisemitischer Äußerungen im Alltag, in Bildungseinrichtungen und im öffentlichen Raum.

Klausurtagung verbindet Forschung und Beratungspraxis

Die Vorstellung des Jahresberichts ist Teil der zweitägigen Klausurtagung „Demokratische Regression verstehen – Praxis und Forschung im Dialog“, die am 24. und 25. September im Johanniter-Hotel in Butzbach-Nieder-Weisel stattfindet. Rund 100 Teilnehmende aus Beratung, Wissenschaft, politischer Bildung und Zivilgesellschaft beraten dort, wie sich demokratische Rückschritte im Arbeitsalltag zeigen und welche Antworten vor Ort tragfähig sind.

In ihrer Keynote „Demokratische Regression und Zivilgesellschaft: Herausforderungen, Konflikte und Handlungsfähigkeit“ untersuchte Prof. Dr. Charlotte Dany von der Hochschule Darmstadt am Donnerstag, wie zivilgesellschaftliche Organisationen unter veränderten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen handlungsfähig bleiben können. Weitere Impulse kamen unter anderem von Prof. Dr. Isabelle Borucki zum Hessenmonitor. Eine Town-Hall-Diskussion und sechs Workshops vertieften Themen wie jugendliches Engagement gegen Rechtsextremismus, Schutz und Handlungsfähigkeit der Zivilgesellschaft, soziale Ungleichheit und Ausschluss, demokratische Resilienz sowie Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen.

Die Tagung ist bewusst als Austausch in beide Richtungen angelegt. Erfahrungen aus Schulen, Kommunen, Vereinen und Beratungsstellen sollen wissenschaftliche Analysen prüfen und ergänzen. Forschungsergebnisse sollen umgekehrt so aufbereitet werden, dass sie für Beratung, politische Bildung und lokale Strategien nutzbar sind. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden am Freitag in einer gemeinsamen Auswertung zusammengeführt.

DemoReg untersucht schleichende demokratische Rückschritte

Den wissenschaftlichen Rahmen liefert das hessenweite Verbundprojekt DemoReg. Der vollständige Titel lautet „Herausforderungen der Demokratie in Zeiten ihrer Regression: Zeiten, Räume und Diskurse“. Unter demokratischer Regression versteht das Projekt keinen plötzlichen Zusammenbruch, sondern den schrittweisen Abbau demokratischer Rechte, Beteiligungsmöglichkeiten und institutioneller Sicherungen. Untersucht werden Anzeichen, Ursachen und Gegenmaßnahmen, unter anderem mit Blick auf Ungleichheit, Ausschluss, antidemokratische Positionen und Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Im Forschungsverbund arbeiten Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus Marburg, Frankfurt, Kassel und Darmstadt mit dem Demokratiezentrum Hessen zusammen. Das Demokratiezentrum bringt Erfahrungen aus der Beratung von Kommunen und zivilgesellschaftlichen Akteure ein. Lokale Entwicklungen fließen dadurch in die Forschung ein; zugleich sollen die Ergebnisse über Werkstätten, öffentliche Diskussionsformate und Tagungen in die Praxis zurückwirken. Langfristig soll eine landesweite Plattform für Demokratieforschung entstehen, die Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft dauerhaft verbindet. DemoReg wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur gefördert.

„Beratung, Bildung, Monitoring und Vernetzung greifen ineinander. Sie bilden eine demokratische Infrastruktur, die Menschen in ganz Hessen stärkt“, so Becker. „Jede Schule, jeder Verein und jede Kommune, die Unterstützung sucht, trifft eine Entscheidung: Wir sehen hin. Wir handeln. Wir bleiben ansprechbar.“

Datengrundlage und Einordnung

Die Beratungsteams dokumentieren ihre Prozesse nach einem standardisierten Verfahren. Das Demokratiezentrum Hessen wertet die anonymisierten Angaben aus. Die Zahlen erfassen konkrete Anfragen an die beteiligten Beratungsstellen und Bildungsangebote. Sie sind nicht mit der Polizeilichen Kriminalstatistik oder Statistiken zur politisch motivierten Kriminalität gleichzusetzen und erlauben keine Aussage darüber, in welchen Regionen Rechtsextremismus insgesamt am stärksten verbreitet ist.

Die 302 neuen Beratungsfälle umfassen die vom Demokratiezentrum ausgewertete Mobile Beratung, Opfer- und Betroffenenberatung sowie Distanzierungsberatung. Die 133 Fälle von OFEK Hessen werden im Jahresbericht gesondert dargestellt und sind in dieser Summe nicht enthalten.

Über das Beratungsnetzwerk Hessen

Das Beratungsnetzwerk Hessen unterstützt seit 2007 Menschen und Institutionen im Umgang mit Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit. Die Beratung ist qualifiziert, vertraulich, kostenfrei und auf die jeweilige Situation zugeschnitten. Das Netzwerk umfasst 54 staatliche, zivilgesellschaftliche und kirchliche Mitglieder sowie 49 qualifizierte mobile Beraterer.

Das Demokratiezentrum Hessen an der Philipps-Universität Marburg ist die zentrale Fach-, Koordinierungs- und Geschäftsstelle. 2025 standen für die Arbeit des Demokratiezentrums und des Beratungsnetzwerks 3.421.577 Euro aus Bundes- und Landesmitteln zur Verfügung.

Weitere Informationen

Jahresberichte: https://beratungsnetzwerk-hessen.de/infos-presse/jahresberichte

Beratungsnetzwerk Hessen: https://beratungsnetzwerk-hessen.de

DemoReg: https://www.demoreg.de