Antisemitismuskritisch unterrichten
Antisemitismus an Schulen nimmt seit dem 7. Oktober 2023 in allen Formen zu, wie die aktuellen RIAS-Zahlen zeigen. Dr. Kai Schubert, Politikwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, erklärt im Gespräch mit Angela Fitsch, warum sich viele gar nicht bewusst sind, dass es überhaupt jüdisches Leben in Deutschland gibt, und warum antisemitische Vorfälle im Schulalltag oft verharmlost oder weggeschaut werden. Er stellt das Konzept der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit vor, das über reine moralische Erziehung hinausgeht und von Pädagoginnen und Pädagogen einen eigenen Reflexionsprozess verlangt. Auch die Frage, wie weit die dienstliche Neutralitätspflicht von Lehrkräften eigentlich reicht, kommt zur Sprache: Gegenüber Verstößen gegen Grundgesetz und Diskriminierungsverbote gibt es demnach keinen neutralen Standpunkt.
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die Zusammenarbeit zwischen Schule und außerschulischer Jugendbildung, die nach Schuberts Einschätzung noch deutlich enger werden müsste, sowie um die Aktualität von Theodor W. Adornos Idee der Erziehung zur Mündigkeit für die heutige Bildungspraxis. Schubert spricht außerdem offen über die strukturellen Probleme der außerschulischen Bildungsarbeit: befristete Stellen, Teilzeitverträge und niedrige Eingruppierungen, obwohl politische Bildung gegen Antisemitismus in Sonntagsreden immer wieder als zentral bezeichnet wird. Sein Fazit: Antisemitismus müsse als dauerhafte, professionelle Aufgabe verstanden werden, die eine bessere Zusammenarbeit zwischen Politik, Praxis und Wissenschaft braucht.
Den besprochenen Sammelband findet ihr im Wochenschauverlag: https://www.wochenschau-verlag.de/Grenzen-der-Erfahrung/41780
Und die Dissertation von Kai Schubert ist auch bald im Wochenschauverlag erhältlich: https://www.wochenschau-verlag.de/Politische-Bildung-und-Antisemitismus/41812-Print-61812-PDF
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