Verschwörungserzählungen in der politischen Bildung
Ob gefälschte Mondlandung, der angebliche „Große Austausch“ oder Mikrochips im Corona-Impfstoff: Verschwörungserzählungen haben Konjunktur. Doch was genau ist eigentlich eine Verschwörungstheorie, und wer glaubt daran? Dirk Netter, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg und Leiter des Bereichs politische Bildung bei Arbeit und Bildung e.V., hat über 110 einflussreiche Publikationen zum Thema ausgewertet. Im Gespräch mit Angela Fitsch erklärt er, warum die Forschung stark von der Psychologie geprägt ist und Verschwörungsglauben dadurch schnell als krankhaft gilt. Das Problem: Legitime Skepsis, etwa gegenüber Lobbyismus, wird so mit geschlossenen, gefährlichen Weltbildern in einen Topf geworfen, obwohl es reale Verschwörungen wie die Vertuschung der Krebsrisiken durch die Tabakindustrie nachweislich gegeben hat. Für die politische Bildung schlägt Netter deshalb einen anderen Blick vor: Entscheidend ist nicht, ob jemand eine verrückte Idee hat, sondern ob sich ein Denksystem gegen jeden Gegenbeweis abschottet.
Warum ein Faktencheck dabei selten weiterhilft und Beziehungsarbeit immer vor Bildungsarbeit kommt, zeigt das Gespräch an vielen Beispielen aus der Praxis mit Jugendlichen, von QAnon-Erzählungen auf TikTok bis zu rechten Influencern, die jungen Männern Orientierung versprechen. Mit dem französischen Medientheoretiker Jean Baudrillard beschreibt Netter eine Welt, in der eindrückliche Bilder und Geschichten oft glaubwürdiger wirken als die nüchterne Wirklichkeit und gemeinsame Maßstäbe dafür verloren gehen, was wahr ist. Darin sieht er aber auch eine Chance: gemeinsam mit Jugendlichen zu lernen, wie Wirklichkeit geprüft wird, wie Medien arbeiten und wie man Unsicherheit aushält, statt sich in einfache Erklärungen zu flüchten.
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